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Editorial

Wie ließe sich das Antlitz eines Stadtviertels beschreiben? Vermutlich ebenso schwer, wie den Gesichtsausdruck eines Menschen in Worte zu fassen, seine Mimik, die sich ebenso schnell ändert wie das Wetter in den Bergen. Ganz sicher jedoch wird das Viertel geprägt von den Menschen, die in ihm leben, die dort arbeiten, ihre Spuren hinterlassen. Das Graggenau-Viertel im Herzen der Stadt München ist ein Ort, in dem Kulturinstitutionen in höchster Dichte und von internationalem Rang mit einer in ihrem Anspruch, Wissen und Können außergewöhnlichen Handwerkskultur und einer ebensolchen Gastronomie aufeinandertreffen.
 

Die Gesichter der Graggenau also. Es sind Menschen wie Serge Dorny, der als Intendant der Staatsoper Großes bewirkt, Georg Randlkofer, Mitinhaber des Münchner Familienunternehmens Dallmayr, der ein leidenschaftlicher Förderer von Konzerthaus und Staatsoper ist. Stefan Blum, der in vierter Generation die Hofbräuhaus-Kunstmühle betreibt, die heute die einzige produzierende Mühle im Großraum München ist. Marion Michael, die Geigenbaumeisterin, die von ihrem Vater die 1968 gegründete Manufaktur in der Hildegardstraße übernommen hat und ihr Metier mit höchster Kunstfertigkeit ausübt, ebenso wie Dieter Betz, der seit 1991 sein Maßatelier betreibt. Gleiches ließe sich von den archaisch schönen Stücken des Goldschmieds und Juweliers Patrik Muff samt Frau Bele Muff in der Ledererstraße sagen, die bei eingehender Betrachtung nur ein anderer Aggregatzustand ebenjenes um Ausdruck, Kraft und Unverwechselbarkeit ringenden Geistes sind, in dem Rudi Kull und Albert Weinzierl ihre einzigartige Gastronomie- und Hotelkultur zelebrieren.


Sie alle eint die Liebe zu ihrem Handwerk, das weit mehr als nur eine technische Praxis meint, nämlich einen fundamentalen menschlichen Impuls, das Bestreben, eine Tätigkeit auch um ihrer selbst willen gut zu machen. Vor zwei Jahrhunderten bemerkte Immanuel Kant einmal, die Hand sei das Fenster zum Geist. Dieser Geist ist beim Spaziergang durch die Ateliers und Läden, Restaurants und Cafés, aber auch beim Gang durch die Jahrhunderte, die sich in den Kulturorten des Viertels manifestieren, wirklich mit Händen zu greifen. 


Die Graggenau ist durch diese Lebendigkeit, aber auch durch den Hofgarten als historische Parkanlage und Rückzugsort, ein kaum zu übertreffendes Viertel. Ein Fenster zum Geist, ein Fenster zum Körper nicht minder im Sinne der dort versammelten gastronomischen Genussmöglichkeiten, ein Fenster zur handwerklichen Exzellenz, ein Fenster letztlich für die Menschen, die dort zusammenkommen, ein Fenster ins Leben. Es ist weit geöffnet.


Oliver Jahn
Kulturjournalist und Kurator

Oliver Jahn, Kulturjournalist und Kurator

Oliver Jahn, Kulturjournalist und Kurator

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