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Die Bayerische Staatsoper in München

Legende Staatsoper

Die Oper als Treffpunkt der ganzen Gesellschaft
 

Mit über 400 Veranstaltungen im Jahr prägt die Bayerische Staatsoper das Kulturgeschehen im Herzen der Stadt wie keine andere Institution. Seit 2021 leitet Serge Dorny als Staatsintendant das weltweit renommierte Opernhaus am Max-Joseph-Platz und setzt sich stark dafür ein, das Publikum der Staatsoper zu erweitern und neue Zielgruppen zu erreichen. In unserem Gespräch erläutert er die Besonderheiten der Staatsoper und seine spezielle Herangehensweise an Programmgestaltung und Betrieb des Traditionshauses.

 

„Wäre es nicht herrlich, wenn die Oper ein Treffpunkt wäre, der der ganzen Gesellschaft offensteht?“

Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staatsoper

Was unterscheidet die Bayerische Staatsoper von anderen großen Opernhäusern, die Sie kennen und selbst geleitet haben?

Serge Dorny:
Die Bayerische Staatsoper kann man nur schwer mit anderen Opernhäusern vergleichen, denn sie blickt auf eine beachtliche, 350-jährige Geschichte zurück und hat somit zu Recht sehr starke Wurzeln. Als dichter Repertoirebetrieb bietet die Bayerische Staatsoper über 400 Veranstaltungen im Jahr an. Noch dazu ist die Bühne eine der größten der Welt, was eine Vielfalt an Möglichkeiten bietet: Eine monumentale Aufführung wie „Krieg und Frieden“, die wir in dieser Spielzeit auf die Bühne gebracht haben, erfordert ein enormes Ausmaß an Solistinnen, Solisten und Statisterie sowie eine anspruchsvolle Leistung der technischen Gewerke, die wie Rädchen reibungslos ineinandergreifen müssen. Für solche komplexen Werke haben andere Opernhäuser nicht immer die entsprechenden Kapazitäten. Das Repertoiresystem ermöglicht es in München außerdem, so gut wie jeden Abend eine andere Oper zu zeigen: Oper ist Teil des täglichen Lebens, Teil der Stadt. 


Was bedeutet der ständige Wechsel der Aufführungen für den Betrieb des Hauses?

Serge Dorny:
Es erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen den künstlerischen Abteilungen und dem technischen Personal, um die Produktionen reibungslos zu realisieren. Zudem muss sichergestellt werden, dass genügend Zeit für Proben und Vorbereitungen eingeplant wird, um jedes Werk in höchster Qualität auf die Bühne zu bringen. Gleichzeitig stellt dieser Betrieb eine hohe Belastung für die Bühnenmaschinerie dar, die kontinuierlich gewartet werden muss, um sicherzustellen, dass die Vorstellungen Abend für Abend stattfinden können. In Poing, wo sich unsere Werkstätten befinden, wird zurzeit ein neues Depot gebaut, um die zahlreichen Bühnenbilder zu lagern.

 

Sie hatten angekündigt, sich dafür einzusetzen, das Publikum der Staatsoper zu erweitern. Wie ist Ihnen dies bis jetzt gelungen?

Serge Dorny:
Wir haben verschiedene Veranstaltungen, mit denen wir in die Stadt gehen und ein breites Publikum erreichen: Die diesjährige zweite Ausgabe des „Ja, Mai“-Festivals, das zeitgenössisches mit barockem Musiktheater verbindet und in Kooperation mit anderen kulturellen Institutionen stattfindet, richtet sich auch an ein diverses Publikum. Es ist uns gelungen, durch die Verknüpfung von Oper mit anderen Kunstformen wie der bildenden Kunst und Sprechtheater ein breites Publikum anzusprechen. Im September eröffnen wir die Spielzeit mit dem UniCredit Septemberfest und bieten Pop-up-Events mit Künstlerinnen und Künstlern unserer Ensembles, Kinderprogramme, einen Opernkostümmarkt und partizipative Aktivitäten in den Fünf Höfen und rund um das Nationaltheater.

 

Was bedeutet die Erweiterung des Publikums für die Programmgestaltung?

Serge Dorny:
Die Bayerische Staatsoper bietet ein breites Spektrum an Opern- und Ballettwerken an. Im Bereich Oper spiegelt ein ausgewogenes Programm die ganze Bandbreite an Werken des Opernrepertoires wider – sowohl klassische Opern als auch zeitgenössische Stücke und experimentelle Inszenierungen. Durch dieses breite Spektrum möchten wir die Lebendigkeit und gesellschaftliche Relevanz der Oper als unverzichtbare Kunstform darstellen.



Oper ist eine vielschichtige und aufwendige Kunstform. Entspricht sie noch einer Zeit, in der „schlank“ und „schnell“ die Gebote der Stunde sind?

Serge Dorny:
Ich glaube, dass angesichts der Probleme und der Komplexität unserer Welt der Mensch durch die Oper keine vorgefertigten Antworten finden kann, sondern im Idealfall Wege der Reflexion und Vertiefung. Wir brauchen mehr Orte, an denen wir uns mit dieser Komplexität auseinandersetzen und dabei die Vereinfachung durch Lösungen aus der Konserve vermeiden. Viele populistische Regimes wollen den Menschen weismachen, dass die Antworten auf die Probleme der Welt einfach sind, wollen die Realität in Schwarz und Weiß sehen. Das ist das Gegenteil von Demokratie. Ich bin überzeugt, dass es eine der zentralen Aufgaben der Oper ist, zu reflektieren und sogar mitzugestalten, damit die Welt von morgen größer, offener und vielfältiger wird.


Das Theater als Forum oder als Piazza?

Serge Dorny:
Wäre es nicht herrlich, wenn die Oper ein Treffpunkt wäre, der der ganzen Gesellschaft offensteht? In einer durch Individualismus zersplitterten Gesellschaft glaube ich, dass wir Orte brauchen, die Begegnungen ermöglichen, die es anderswo nicht gäbe, zwischen Menschen, die sich ohne die Möglichkeit des Theaters nie begegnet wären. Die Oper kann zu diesem Forum werden, in dem sich alle Schichten der Gesellschaft treffen und miteinander reden. Je bunter und vielfältiger sie ist, desto bereichernder ist sie. Theater ist ein Erbe aus dem antiken Griechenland. Damals war das Theater ein Fest, zu dem die Bürger eingeladen und wo sie zusammengerufen wurden. Das Theater hatte eine spirituelle, religiöse und politische Bedeutung: ein „Bühnenweihfestspiel“ im Wortsinn.

 

Sie sind umgeben von zwei renommierten Sprechtheatern, dem Residenztheater in direkter Nachbarschaft und den Kammerspielen. Was bedeuten diese drei Bühnen für die Stadtgesellschaft?

Serge Dorny:
Die Bayerische Staatsoper, das Residenztheater und die Kammerspiele bilden zusammen ein einzigartiges kulturelles Zentrum in der Stadt. Die drei Bühnen tragen zur kulturellen Vielfalt und zur Attraktivität der Stadt bei und unterstreichen die Relevanz von Theater wie Oper.


Was sind Ihre Lieblingsorte hier in der Graggenau, dem Viertel, das die Oper umgibt?

Serge Dorny:
Zum einen der Max-Joseph-Platz, der ein so schöner Platz sein kann, wenn er wie bei „Oper für alle“ mit Menschen gefüllt ist und wirklich das Gefühl einer italienischen Piazza aufkommen lässt. Zum anderen der Hofgarten, der in unmittelbarer Nähe ein ruhiges Gegenstück zum Trubel im Rest des Viertels bildet.

Serge Dorny wurde im belgischen Wevelgem geboren. Er begann seine Theaterlaufbahn im Dramaturgenteam des von Gerard Mortier geleiteten Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel und wechselte von dort zum Festival von Flandern, wo er 1987 künstlerischer Leiter wurde. 1996 wurde er zum Generaldirektor und künstlerischen Leiter des London Philharmonic Orchestra ernannt. Von 2003 bis 2021 war er Generaldirektor der Opéra National de Lyon. In der Saison 2021/2022 begann er seine Amtszeit als Staatsintendant der Bayerischen Staatsoper. Er ist Vorstandsmitglied des Bayerischen Rundfunks und des Concours Reine Elisabeth (Königin-Elisabeth-Wettbewerb). Er war auch Jurymitglied bei internationalen Musikwettbewerben, darunter Helsinki und Bamberg (für Dirigenten) und Monte Carlo (für Pianisten), und hielt Vorlesungen über Kulturmanagement an der Universität Zürich und der Accademia Teatro alla Scala in Mailand.   Er hat verschiedene Auszeichnungen erhalten, darunter eine Ehrendoktorwürde der Université du Québec à Montréal im Jahr 2008; 2012 wurde er Ritter des „L’ordre national de la Légion d’honneur“; 2021 wurde er Kommandeur des „Ordre des Arts et des Lettres“, und 2013 wurde er Offizier des „Order of the Crown“ in Belgien. 

Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staatsoper

Bühnenstück in der Bayerischen Staatsoper

Die Bayerische Staatsoper von außen

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